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                   Verbandsliga Westfalen II, Saison 04/05, 29.08.04                                  

 

   2:2  

 

SV Sodingen 1912 - SC Westfalia 04 Herne

 

Herne-Sodingen, Glückaufstadion (2.000 Zuschauer)

 

 

Als ich vor einigen Wochen die Reportage „Im Westen ging die Sonne auf – Die Geschichte von Bergbau, Stahl und Fußball im Ruhrgebiet“ sah, hat mich gerade die Geschichte des SV Sodingen berührt. Spontan wurde dann der Spielplan gezückt und gehofft, dass der Sportverein am Herner Stadtrand an diesem 29. August ein Heimspiel hat. Und siehe da: Man konnte es kaum glauben - der Spielplan bescherte gleich den Kracher gegen den Stadtrivalen aus der Innenstadt, dem SC Westfalia 04 Herne. Was ist schon ein Lottogewinn gegen so viel Glück bei einer Tourenplanung.

Der SV Sodingen ist vielleicht das Synonym für die gute alte Fußballtradition des Ruhrgebiets. Sodingen, regelrecht eingeklemmt von Städten wie Gelsenkirchen, Bochum, Essen oder Dortmund, die heute den „Ruhrpott“-Fußball repräsentieren, lernte einst den großen Vereinen das Fürchten und war 1955 ganz nah dran, die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Aber die Meisterschaft wurde nicht errungen, ein „zweites Schalke“ wurde der Verein auch nicht und mit dem Niedergang des Bergbaus verblasste auch schnell der Stern des SV Sodingen 1912.

Aber immerhin gibt es ihn noch und letztlich steht er für Fußballromantik. Er ist mittlerweile genau da, wo auch der Stadtrivale angekommen ist: Verbandsliga Westfalen II. Der eine kam von unten, der andere von oben. Dabei hatte der SC Westfalia 04 Herne die wesentlich besseren Voraussetzungen und stand Mitte der 70er Jahre vor dem Aufstieg in die Bundesliga. Doch Westfalia Goldin, wie der Verein kurzzeitig nach seinem Sponsor hieß, verließ sich auf einen einzigen Geldgeber, der mit wehenden Fahnen unterging und den Klub mitriss.

Und so machte ich mich nach dem Spiel in Gelsenkirchen zügig auf den Weg, erreichte Sodingen eine halbe Stunde vor Spielbeginn und wurde Zeuge wie Menschenmassen sich den Weg zum Stadion bahnten. Aufgrund des großen Zuschauerandrangs konnte das Spiel auch noch nicht um 18 Uhr angepfiffen werden und so war es auch nicht verwunderlich, im Stadion einige Fußballinteressierte aus ganz Deutschland anzutreffen. In illustrer Runde (u. a. Martin aus Greifswald (Nachmacher), der Hofer, der Siegener und der Schlammbeisser aus Gießen, dem hier ein besonderer Gruß gilt) wurde dann der einstige Oberliga-West-Klassiker genossen.

 

 

Spiel:

Nachdem das Spiel in der ersten Halbzeit nicht so recht in Gang kommen wollte, entschädigte der zweite Durchgang. Es wurde auf beiden Seiten gekämpft bis zum Umfallen und der scheinbar sichere Sieger wurde in den letzten Sekunden noch abgefangen. Ein richtiges Derby eben!

Tore: 1:0 (53.) Crnogaj, 2:0 Stocker (77.), 2:1 (80.) Sami El-Nounou, 2:2 (90.) Andre Dohm.

 

 

Stimmung:

Die gut 2.000 Zuschauer erfreuten sich am Spiel und gingen gerade zum Ende hin richtig mit. Support gab es nur von den Fans des SC Westfalia. Aber auch ohne große Aktion war dies ein stimmungsvoller Spätnachmittag.

   
Vereine:

Als der SV Sodingen im Jahre 1912 gegründet wurde, war er noch kein Arbeiterverein. Obwohl es die Zeche Mont-Cenis war, die aus dem Dörfchen eine Ortschaft machte, ging die Vereinsgründung von „Bürgerlichen“ aus. Erst Jahre später versammelten sich hier die Bergleute der Zeche. Während die Sodinger bis 1945 keine große Rolle im westdeutschen Fußball spielten, waren die Nachkriegsjahre gleichzeitig die erfolgreichsten. Nachdem über Jahre eine erfolgreiche Mannschaft gewachsen war, schaffte diese Truppe 1952 unter Trainer Kronsbein den Aufstieg in die Oberliga West, der höchsten deutschen Spielklasse, der noch nicht mal der Stadtrivale aus der Innenstadt angehörte. Nach zwei Jahren in der unteren Tabellenhälfte schlug in der Spielzeit 1954/55 die große Stunde. Der zweite Platz hinter Rot-Weiss Essen reichte zur Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft. Die erste Vierergruppe stellte kein großes Problem dar (mit Wormatia Worms, dem SSV Reutlingen und Viktoria 89 Berlin) und in der letzen Ausscheidungsgruppe traf man auf den Hamburger SV und den 1. FC Kaiserslautern. Zwar scheiterte man, aber der SV Sodingen war in aller Munde und schnell sprach man vom zweiten Schalke. Wie die Königsblauen Nachbarn war der SV Sodingen zwar überall beliebt, aber fragwürdige Verbandsentscheidungen (Punkteabzug wegen Verstoßes gegen das Vertragsspielerstatut – obwohl die „bürgerlichen“ Vereine gleiches taten und nicht bestraft wurden) und noch fragwürdigere Schiedsrichterentscheidungen machten klar, dass der kleine Zechenverein keine Lobby hatte. 1959 folgte der Abstieg und der Anfang der „Legende von Sodingen“.

Als der SC Westfalia 04 Herne gegründet wurde, waren es reiche Bürger der Stadt, die einen Fußballverein wollten. Zwar gelang es den Hernern schon in den 30er Jahren höherklassig Fußball zu spielen, aber der große Erfolg sollte erst nach dem zweiten Weltkrieg kommen. Zwei Jahre nachdem der „kleine und verhasste“ Stadtrivale in die Oberliga West aufstieg (1952) folgte die Westfalia. Nach vier Jahren mit ausschließlich zweistelligen Tabellenplätzen war es 1959 endlich soweit: 1. Platz in der Oberliga West (bezeichnenderweise das Abstiegsjahr des SV Sodingen). Grundlage für den Erfolg waren zum einen der Trainer Fritz Langner und zum anderen die Nationalspieler Tilkowski, Benthaus und Pyka. 1960 wurde man dann noch mal Zweiter hinter dem 1. FC Köln und spielte erneut in der Endrunde zur deutschen Meisterschaft mit. Aber als es drei Jahre später um die Benennung der Bundesligisten ging, wurde die Westfalia nicht mehr aufgerufen. Wie viele Vereine konnten die Herner wirtschaftlich nicht mehr mithalten. Mitte der 70er Jahre tauchte dann ein gewisser Herr Goldbach (Inhaber der Petrolfirma „Goldin“) am Stadion am Schloss Strünkede auf und pumpte dermaßen viel Geld in den Verein, dass er sich bald in der zweiten Liga wieder fand. Aus Dank erfolgte 1977 dann auch die Umbenennung des Vereins in SC Westfalia Goldin 04 Herne. In die Saison 78/79 ging man als Topfavorit an den Start und ganz Fußballdeutschland rechnete mit dem Aufstieg der Herner in die Bundesliga. Doch plötzlich war Herr Goldbach nicht mehr zu finden und seine Firma „Goldin“, mit etlichen Westfalia-Spielern als Gehaltsempfängern, pleite. Die Saison konnte noch zu Ende gebracht werden. Doch am 1. Spieltag der Saison 79/80 gab der Verein freiwillig seine Profilizenz ab und zog sich in die Oberliga zurück. Heute kickt der Verein wie schon Anfang der 90er Jahre in der Verbandsliga – zusammen mit dem SV Sodingen.

   
Stadion:

Das Glück-Auf-Stadion, gelegentlich auch Stadion am Holzplatz genannt, wurde 1953 errichtet. Das Gelände stellte die in Sodingen beheimatete Zeche Mont-Cenis zur Verfügung. Vorher spielte der Verein auf einem Ascheplatz („Aschekippe“) mit einem damaligen Fassungsvermögen von ca. 15.000 Zuschauern. Dieser Platz wurde allerdings 1975 eingeebnet. Offiziell fasst die „neue“ Anlage nur 7.000 (davon 800 unüberdachte Sitzplätze). Zum Oberliga-West-Spiel am 11. April 1954 kamen 30.000 Zuschauer und sahen eine 1:2 Niederlage. Aufgrund der dort herrschenden chaotischen Verhältnissen mussten die Sodinger ihre Endrundenspiele um die deutsche Meisterschaft in die Glückkampfbahn nach Gelsenkirchen (5:1 gegen Viktoria 89 Berlin vor 18.000 Zuschauern und 2:2 den 1. FC Kaiserslautern vor 70.000 Zuschauern) und nach Köln (1:1 gegen den Hamburger SV vor 50.000 Zuschauern) verlegen.

Heute ist von den glanzvollen Tagen des SV Sodingen nichts mehr zu sehen. Dennoch versprüht die Anlage viel Charme. Wer einmal dort zu Besuch ist, sollte aufmerksam dem älteren Herrn im Sprecherhäuschen lauschen. Vielleicht kommen so die alten Zeiten in Gedanken wieder zurück.

 

 

 

Tageskilometer:     595 km Gelsenkirchen - Herne - Essen - Berlin (PKW)

Saisonkilometer: 6.692 km (4.427 km PKW, 1.681 km Bahn, 620 km Flugzeug)

 
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