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                  Süper Lig, Saison 04/05, 17.04.05                 

 

    3:4 

 

Fenerbahce Sk - Besiktas Jk

 

Istanbul, Sükrü Saracoglu Stadyumu (42.000 Zuschauer, ausverkauft)

 

 

Von Beylerbeyi mussten wir für den Weg nach Kadiköy das Taxi nutzen, denn trotz der fast drei Stunden Zeit bis zum Anpfiff riet man uns, äußerst rechtzeitig vor Ort zu sein. Auf dem Weg dorthin, sammelten wir noch Ergün und Bektas auf und um ca. 17 Uhr Ortszeit nahmen wir unsere Plätze hoch oben auf der Gegengerade ein. Während wir den schönen Fangesängen zuhörten, plauderte Bektas aus dem Nähkästchen. Die Erwartungshaltung ist so groß, dass sich der Anhänger nur mit dem Gewinn der Champions League zufrieden gibt und diese Worte waren nicht im Scherz gesprochen. Christoph Daum genießt bei den Fenerlis kein großes Ansehen, denn der Club spielt zwar national recht erfolgreich, aber eben keinen schönen Fußball. Sehr wichtig sind aber Derbysiege. Ein Unentschieden zählt als Niederlage. Das Spiel gegen Besiktas ist genauso wichtig wie das gegen Galatasaray. Unumstrittene Nr. 1 auf der türkischen Beliebtheitsskala ist Fener, gefolgt von Gala. An dritter Stelle steht Besiktas, deren Anhang aber am heißblütigsten ist. Übrigens gibt es keine religiösen, ethnischen oder politischen Unterschiede in der Anhängerschaft. Historisch betrachtet ist Besiktas der älteste Verein (1903) des Trios und im gleichnamigen Arbeiterviertel beheimatet. Galatasaray (gegründet 1905) kommt wie BJK aus dem europäischen Teil und ist so was wie der Nobelclub. Fenerbahce (1907) ist der Klub der anatolischen Emporkömmlinge und ist im asiatischen Teil Istanbuls zu Hause.

Die Eingangskontrollen waren sehr gründlich und so kamen – im Gegensatz zur Vergangenheit – auch nur wirklich die ins Stadion, die auch ein Ticket hatten. Der Grund für diese Vorsichtsmaßnahmen war ein Mord an einem Besiktas-Fan im letzten November.

 
Spiel:

Von Beginn an schnürten die Hausherren die europäischen Gäste in der eigenen Hälfte ein und spielten einen schnellen und gepflegten Ball nach vorne. In der Anfangsphase war Anelka auf seiner Seite nicht zu halten und drang ein paar Mal gefährlich in den Strafraum ein. Hätte es nach 29 Minuten 3:0 gestanden, Besiktas hätte sich nicht beschweren dürfen. Hätte, wäre, wenn! 0:1 stand es aber in der Realität, denn die Gäste nutzten einen Abwehrfehler und gingen mit ihrem ersten Torschuss völlig unverdient in Führung. Fenerbahce zeigte sich unbeeindruckt und drückte weiter auf ihren ersten Treffer, der dann auch fünf Minuten nach der Führung in Form eines herrlichen Fallrückziehers erzielt wurde. Bis zur Pause blieb Fener weiter am Drücker und hätte gut und gerne noch weitere Treffer erzielen müssen. Kurz vor dem Seitenwechsel schossen die Schwarz-Weißen ein zweites Mal aufs Tor. 1:2!

Zu Beginn des zweiten Durchgangs war auf einmal der Schwung aus dem Fener-Spiel und die Mannschaft von Christoph Daum agierte äußerst nervös. In dieser Phase hatte Besiktas zwei gute Möglichkeiten zum Ausbau der Führung. Aber Fener überstand die Phase und wurde rund 20 Minuten vor dem Abpfiff mit dem Ausgleich belohnt. Alex köpfte nach einem Torwartfehler zum 2:2. Dieser Spielstand hatte aber auch nur ein paar Minuten Bestand und Besiktas ging wieder in Führung. Es folgten die turbulentesten Minuten des Spiels. Zuerst wurde der Gästekeeper mit Gelb wegen Spielverzögerung bedacht. Wenige Augenblicke später holte er völlig unnötig am Rande des 16ers einen Gegenspieler von den Beinen, woraufhin der Schiedsrichter völlig zu Recht auf den Elfmeterpunkt zeigte. Bis zur Ausführung vergingen mind. fünf Minuten, weil sich der Torwart gar nicht mehr einkriegte. Eigentlich hätte er für sein Foul schon Gelb sehen müssen. Der gute Referee gab seinem Betteln schließlich nach und schickte den Mann dann endlich unter dem Jubel der Massen unter die Dusche. Richtig dämlich, denn nur wenige Augenblicke vor dem Foulspiel wechselte Besiktas zum dritten und damit letzten Mal. So musste sich ein Feldspieler das Torwarttrikot überstreifen und dessen erste Tat war ein vergeblicher Sprung in die richtige Ecke. Eigentlich war jetzt klar, dass dieses Spiel nur Fener gewinnen konnte. Unterstützt wurde die kühne These von der direkt folgenden Szene, als der Feldspieler im Gehäuse den Ball aufs Tor bekam, ihn nach vorne abprallen ließ und der Stürmer das Geschenk aus ein paar Metern am leeren Tor vorbei schoss. Fener hätte nur noch ein paar Mal auf die Bude zielen müssen und jeder zweite Versuch wäre ein Treffer gewesen. Vollkommen unverständlich spielten sie danach aber viel zu kompliziert oder schossen meterweit am Gehäuse vorbei. Zu Beginn der zehnminütigen Nachspielzeit gingen die Gäste dann wieder in Führung. Kurz vor dem Abpfiff trafen sie auch noch den Pfosten.

Fazit: Es gab während der über 100 Minuten Spielzeit nicht eine langweilige Phase. Eine Partie die man am besten nie abgepfiffen hätte.

Tore: 0:1 (29. Min.) Tümer, 1:1 (34. Min.) Luciano, 1:2 (46. Min.) Carew, 2:2 (69. Min.) Alex, 2:3 (76. Min.) Ibrahim Akin, 3:3 (84. Min.) Alex (FE), 3:4 Koray (92. Min.)

   

   

   
Stimmung:

Schon Stunden vor dem Spiel wurden die Zuschauer mit allerlei Liedgut beschallt. Selbst für westeuropäische Ohren hörte sich das alles verdammt gut an und so wunderten wir uns nicht, dass das ganze Stadion teilweise frenetisch mitsang. Obwohl solche Vergleiche fast meist ziemlich hinken, in keinem deutschen Stadion wäre die Stimmung selbst während des Spiels besser gewesen. Zweimal (einmal als die Mannschaft zum Aufwärmen das Feld betrat und dann kurz vor dem Anpfiff) wurden vier große Blockfahnen entrollt, was auch optisch einiges hergab. Unter den Zuschauern habe ich nicht eine neutral gekleidete (mal abgesehen von Renato und mir) Person entdeckt. Fast alle hatten Trikots an und waren zusätzlich mit Schals und Kappen ausstaffiert. Hierzulande würde man dies wohl als „viel zu kuttig“ abtun. Hier sah das aber schon ziemlich geil aus. Mal abgesehen von einer kurzen Schwächephase wurde auch die volle Spielzeit inklusive Halbzeitpause durch gesungen. Im Gästeblock waren ca. 2.000 Besiktas-Anhänger versammelt, die nach einigen Tumulten ihren Block vergrößerten und damit die Distanz zu den Zuschauern auf der Haupttribüne halbierten. Schon vor dem Spiel wurden irgendwelche Gegenstände zwischen den beiden verfeindeten Blöcken ausgetauscht. Nach dem ersten Treffer zündete der Gästeanhang auch gleich Bengalos und warf diese links und rechts in die danebenliegenden Blöcke. Während auf der Haupttribüne leichte Panik ausbrach, warf der Fenerblock das verbotene Teil einfach wieder zurück. Unverständlicherweise präsentierte der Besiktas-Anhang auch kleinere weiße Zettel mit roten Punkten drauf, und dies obwohl sich gar kein japanischer Spieler in ihren Reihen befand. Die Aufklärung lieferte dann Bektas, der meinte, dass Fener seit 14 Spielen nicht mehr dieses Derby verloren hat, aber Besiktas ihnen heute diese Jungfräulichkeit (rotes Blut auf weißem Laken) rauben wolle.

   
Stadion:

Leider befindet sich das Sükrü Saracoglü Stadyumu gerade im Umbau. Bis auf die Haupttribüne scheinen die Arbeiten schon abgeschlossen zu sein. Aufgrund der drei neugebauten Seiten wirkt die nur zu ca. dreiviertel bestehende Haupttribüne ein wenig verloren. Eigentlich schade, dass diese nun abgerissen wird, denn sie ist recht nett anzuschauen. Die Farben gelb und dunkelblau dominieren im Stadion, dass ein reiner All-Seater ist. Klare Strukturen dominieren und auf allzu viel Schnick-Schnack wurde bis dato verzichtet. Früher gab es übrigens nur den Unterrang, der noch nicht einmal überdacht war.

 

 

 

 

Als wir nach der Partie am Fährhafen ankamen und  unseren Durst und Hunger stillten, hörte man bereits in der Ferne die Besiktas-Fans. Sofort wurde der Platz weiträumig abgesperrt und ca. 250 Polizisten begleiteten rund 1.000 Fußball-Anhänger zum Fährhaus. Plötzlich rannte der Mob los und direkt mit Kampfgeschrei in das Gebäude. Da wir nur wenige Meter von der Polizeikette entfernt standen und sich aus der großen Meute auf einmal ca. 50 Fans herauslösten, waren wir uns auf einmal nicht so sicher, ob wir nicht besser die frühe Fähre hätten nehmen sollen. Aber unsere beiden Begleiter guckten auf einmal genauso grimmig wie die Jungs in schwarz-weiß und meinten, die wollen nur nach Hause. Nun gut, der größere Teil wurde dann auf eine Personenfähre zusammengepfercht und nach Europa verfrachtet. Leider hatte mein Kamera-Akku schon das Zeitliche gesegnet, denn der überfüllte Kahn mit den feiernden Anhängern trug auch noch den Namen Besiktas I. Istanbul.

Dann trösteten wir unsere beiden Begleiter noch ein wenig und am Montag stieg der Flieger auf in den Himmel gen Heimat.

Soviel erlebt in zweieinhalb Tagen!

 

Tageskilometer:    1.700 km mit dem Flugzeug von Istanbul nach Berlin

Saisonkilometer: 34.078 km (19.459 km PKW, 3.657 km Bahn, 10.962 km Flugzeug)

 
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