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          Premiership, Saison 06/07, 14.01.07                   

 

       2:3 

 

Tottenham Hotspur F. C. Newcastle United F. C.

 

London, White Hart Lane (35.942 Zuschauer, ausverkauft)

 

 

Die Rückfahrt von Exeter verlief recht ereignislos und um 21 Uhr erreichten wir Lee’s Domizil im Norden der Metropole. Nach kurzem Wischiwaschi machten wir uns an das Abendprogramm. Da Lee’s Freundin in Kostrzyn das Licht dieser Welt erblickte wurde ich auf eine polnische Emigrantengeburtstagsfeier mitgeschleift. Zwei Briten, ein Germane und der Rest waren in London lebende Polen bzw. Polinnen. Während sich die letzte Gruppe am Wodka labte, versuchte der Rest sich mit Bier einen Hauch von Nüchternheiten bewahren. Gelang leidlich, denn irgendwann wurde auch uns ein Drink gemixt, der sich dann wie folgt zusammensetzte. Ein Schuss Traubensaft (als der alle war, Cola), ein kleiner Eiswürfel und die Differenz zum 0,3l-Becher wurde dann mit dem russischen Nationalgetränk aufgefüllt (als der alle war, Gin und/oder Whiskey). Unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit sich die Emigranten den Hals voll schütteten und parallel zum Alkoholpegel stieg dann auch die Lautstärke der Unterhaltung. Lustige Menschen auf einer lustigen Party!

Am nächsten Morgen war es schon Mittag und das auf dem Plan stehende Damenfußballspiel wurde kurzerhand gestrichen. So ging es halt direkt auf kleinen Umwegen (!!!) zur Bahnstation namens White Hart Lane. Von da aus muss man noch mal ca. zehn Minuten Fußweg durch ein - sagen wir mal – interessantes Viertel zurücklegen. Nachdem ich einmal das Stadion umrundet hatte und dabei vier Fanshops zählen durfte ging es exakt fünf Minuten vor Kickoff die Treppen rauf zu meinem Plätzchen. Die Ticketbeschaffung gestaltete sich bei diesem Spiel extrem schwierig und kostspielig. Tottenham hat aufgrund der recht kleinen Stadionkapazität (36.200 Plätze) schon fast zwangsläufig eine ganz gute Auslastung und auch NUFC ist auch bekannt dafür, dass es die Gästeblocke auf der Insel zu füllen weiß. Eine Chance noch im General Sale (also die Phase, nachdem die Mitglieder alles wegkauft haben) eine Eintrittskarte zu bekommen war also höchst unwahrscheinlich. Ergo musste man wieder Kontakte spielen lassen, um einen Member auszugraben.

71 Pfund sollte der Spaß zunächst kosten mit dem Hinweis, dass Newcastle United eine Kategorie A – sprich sportlich höchst attraktiver - Gegner ist. Reine Kohlemacherei, solch eine Einteilung hat natürlich nur wirtschaftliche Gründe, denn Newcastle macht einem halt die Bude voll. Kategorie A bedeutete Preise von 39 bis 71 Pfund (C zum Vergleich: 27-42) und da hatte ich mit meinen 44 Pfund ja noch richtig Glück. Nun gut, bei den Preisen wird es wohl die erste und letzte Reise in dieser Saison ins Mutterland des Fußballs gewesen sein.

 

 

 

Spiel & Stimmung:

 

Gerüchten zufolge soll der Fußball in England ja besonders schnell sein und ich für meinen Teil möchte dies bejahen. In Italien zum Beispiel sind die Spieler wahrscheinlich genau so fix, aber dort wird das Spiel über weite Strecken verschleppt und sieht dadurch allein rein optisch nicht so schnell aus. Obwohl es wahrlich kein Spitzenspiel war, war der Kick ganz unterhaltsam. Tottenham von Beginn an wesentlich druckvoller und mit der verdienten Führung nach einer Viertelstunde. Fast im Gegenzug fiel dann aber mit dem ersten Angriff der Gäste der Ausgleich. Kurioses Tor übrigens, denn Abwehrspieler Huntington erkämpfte sich an der Torauslinie den Ball, schoss aus spitzem Winkel und traf den Torwart, der den Ball dann ins Tor beförderte. In der Folgezeit blieb Tottenham zwar überlegen, war aber bis zur Pause nicht mehr in der Lage daraus Kapital zu schlagen. Die Stimmung in den ersten 45 Minuten war nicht so schlecht wie befürchtet, denn Support gab es von beiden Seiten. Ausgiebiger vom Gästeanhang, ab und zu ziemlich laut auch von den Gastgebern („Yid, Yid, Yid!“).

Nach der Pause spielte zunächst nur Tottenham und ging durch einen schönen Volleyschuss aus dem Gewühl heraus verdient durch den Ex-Leverkusener Berbatov in Führung. Nach dem ziemlich geilen Torjubel sangen die Fans erstmal Loblieder auf den Bulgaren. Auch nach dem Tor spielten nur noch die Gastgeber und das sieht man eigentlich heutzutage sehr selten. Alle hielten ihre Positionen und wichen nicht den einen Meter zurück, so dass Tottenham in der Folgezeit hoch überlegen war. Newcastle hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn es mit drei oder vieren Toren in Rückstand geraten wäre. Es folgten die 120 Sekunden, die das Spiel vollends auf den Kopf stellten. Das 2:2 durch Qbafemi Martins (vormals Inter) resultierte aus einem Konter und einem herrlichen 20-Meter-Knaller. Die Gästefans waren komplett aus dem Häuschen, während sich die restlichen Besucher um Totenstille erfolgreich bemühten. Kaum hatten sich die Gästefans wieder eingekriegt, durften sie gleich noch mal ausrasten. Wie aus dem Nichts ging Newcastle ca. 120 Sekunden nach dem Ausgleich durch den ehemaligen ManU-Star Nicky Butt auch noch in Führung. Vorausgegangen war wieder ein Konter und ein kluges Zuspiel von Martins. Rund 20 Minuten hatte da Tottenham noch Zeit das Spiel zu drehen, aber trotz erstklassiger Möglichkeiten (Keane schoß aussichtsreich vorbei, Defoe traf den Pfosten, Berbatov köpfte ohne Bedrängnis daneben) fiel kein Tor mehr. So kam Newcastle höchst unverdient in einem sehr temporeichen und unterhaltsamen Spiel zu drei Punkten. Sehr merkwürdig fand ich allerdings, dass die Zuschauer in Scharen trotz der wirklich spannenden Partie und des knappen Rückstandes zu den Ausgängen strömten.

Tore: 1:0 (14. Min.) Defoe, 1:1 (16. Min.) Huntington, 2:1 (54. Min.) Berbatov, 2:2 (72. Min.) Martins, 2:3 (73. Min.) Butt

 

Vereine:

 

Der Tottenham Hotspur Football Club wurde im Jahre 1882 von Spielern des Hotspur Cricket Clubs und Schülern der St. John’s Presbyterian Schule gegründet. Der Name Hotspur (Heißsporn) geht auf den Sohn des Dukes von Northumberland Harry zurück, der wohl ein gefürchteter Heißsporn war. Bereits im Jahre 1887 trafen sie zum ersten Mal auf den Verein, zu dem sie später eine gesunde Abneigung entwickelten: Arsenal. 1895 wurde der Club offiziell zum Profiverein erklärt, ein Jahr später spielte er in der Southern League und vier Jahre später zog er in den Gilpin Park, später als White Hart Lane bekannt, um. 1900 gewannen die Spurs die Southern League und standen ein Jahr später im Finale um den FA-Cup gegen Sheffield United (2:2 und 3:1 im Wiederholungsspiel). Der Verein hat eine fast schon mystische Verbindung zu Jahren die mit einer Eins enden: 1901, 1921, 1961, 1981 und 1991 haben die Spurs den FA-Cup gewonnen (daneben noch in den Jahren 1962, 1967 und 1982) und 1951 und 1961 feierten sie ihre einzigen Meistertitel. Komplettiert wurden die Titel mit drei Pokalsiegen auf europäischer Ebene (1963 Europokal der Pokalsieger und 1972 und 1984 UEFA-Cup). Es folgten zwei Ereignisse, die Arsenal zum größten Rivalen der Spurs machten. Arsenal zog 1913 von Südlondon trotz starker Proteste von Tottenham (und Leyton Orient) in den Norden der Stadt. Damals waren die Eintrittsgelder noch die wichtigste Einnahmequelle der Vereine und man wollte schlichtweg keine (künstliche) Konkurrenz. Nach dem ersten Weltkrieg musste Tottenham trotz Aufstockung der Liga absteigen und obwohl nur Fünfter der zweiten Liga durfte Arsenal aufsteigen. In den 70er und 80er Jahren sorgten dann körperliche Auseinandersetzungen beider Fanlager für Schlagzeilen. Nach der Fußballweltmeisterschaft 1978 verpflichtete Tottenham den Argentinier Ovaldo Ardiles, der sofort und trotz Falklandkrieges zum Publikumsliebling aufstieg. In den 90er Jahren wurde der Verein durch sein skandalträchtiges Management berühmt.

Newcastle United hat den Ruf, die besten Fans in England zu haben. Dieses Statement ist natürlich nur schwer zu bewerten, aber auf jeden Fall hat Newcastle verdammt viele Anhänger, wie die Zuschauerzahlen daheim und auswärts belegen. Selbst in der 2. Liga (70er Jahre) zogen die Magpies mehr Leute ins Stadion als der damals erfolgreichste englische Verein aus Liverpool. Der Fußballclub wurde im Jahre 1892 gegründet, als sich die beiden Clubs Newcastle United East End FC (ehemals Stanley) und Newcastle West End FC zusammenschlossen. Vor dem ersten Weltkrieg war der Verein am erfolgreichsten und gewann 1905, 1907 und 1909 die englische Meisterschaft und 1910 den FA-Cup. 1927 gewannen er seine vierte und bis dahin letzte Meisterschaft sowie 1924 und 1932 den Pokal. Trotz drei weiterer FA-Cup-Siege (1951, 1952 und 1955) war die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr so erfolgreich. In den 70er, 80er und 90er Jahren spielte Newcastle United meist in der zweiten Liga. Erst 1992 übernahm der ehemalige HSV-Spieler Kevin Keegan das Traineramt beim Zweitligisten und führte den Club nicht nur zurück in die erste Liga, sondern gleich an die Tabellespitze (1994 3. Platz, 1995 6., 1996 2. und 1997 auch 2.) Auf Kevin Keegan folgte Sir Bobby Robson ,der aber nicht an die Erfolge seines Vorgängers anknüpfen konnte (3. Platz 2003 war die beste Platzierung, ansonsten fast nur zweistellige Tabellenplätze). Aufgrund der geographischen Lage hoch im Norden gibt es eigentlich nur einen nennenswerten Rivalen und der heißt Sunderland. Zwar wird gelegentlich noch Middlesbrough genannt, diese Rivalität wird aber von den Anhängern aus Newcastle bei weitem nicht so ernst genommen wie die gegen Sunderland. Beide Städte sind ungefähr gleich groß und werden in der Region oft einfach nur North Side (Newcastle) und South Side (Sunderland) genannt.

 

 Stadion:

 

Bereits seit 1899 ist der Football Club Tottenham Hotspur an der „White Hart Lane“ zu Hause. Der Verein kaufte sich das Gelände für 8.900 britische Pfund von einer Brauerei, welcher auch das angrenzende Wirtshaus „White Hart Inn“ an der Tottenham High Road gehörte. Vom ursprünglichen Plan, dort Wohnhäuser zu bauen, wich man dann aber ab, denn mit Spurs Fans war wohl mehr Geld zu verdienen. Die alte provisorische Holztribüne zog vom alten Stadion (Northumberland Park) gleich mit um. 2.500 Zuschauer konnte diese aufnehmen, insgesamt dürfte die Kapazität an der High Road anfangs bei ca. 10.000 gelegen haben. Das erste Spiel fand hier am 4. September 1899 gegen Notts County vor ca. 5.000 Zuschauern statt (Endergebnis in dem Freundschaftsspiel 4:1). In den nächsten fünf Jahren wurde weiter ausgebaut und um 1904 fasste das Stadion ca. 32.000 Zuschauer, davon 500 Sitzplätze und 12.000 überdachte Stehplätze. Finanziert wurde der Ausbau durch die Ausgabe von 5.000 Ein-Pfund-Anleihen. Ab 1908 (bis 1934) übernahm der berühmte Architekt Archibald Leitch („The Football Ground Designer!“) die Aufsicht über die weiteren Aus- und Umbauarbeiten an der White Hart Lane. Bereits im Jahre 1909 wurde der „West Stand (High Road)“ mit 5.300 Sitzplätzen im Oberrang, ca. 6.000 Stehplätzen im Unterrang und einem Fachwerk-Giebel fertig gestellt. Ein Jahr später kam der berühmte Gockel mit dem Ball aufs das Dach. Wie der Hahn das Symbol für Tottenham wurde ist nicht ganz klar. Die Geschichte geht wohl auf Henry Percy (Spitzname „Harry Hotspur“ – 1341 bis 1408), den ersten Grafen von Northumberland zurück. Er war letztlich Namensgeber für den Club und so wurden die Sporen zum Clubsymbol. Diese sahen so ähnlich aus wie die kleinen Sporen an den Beinen von kämpfenden Hühnern.

Ab 1909 begannen dann die Arbeiten an den drei anderen Tribünenseiten. Nach zwei Jahren betrug die Gesamtkapazität 50.000 Zuschauer und als 1921 der North Stand (auch Paxton Road End) und 1923 der South Stand (auch Park Lane Stand) ihre Dächer bekamen, war der Tottenham-Ground wohl das erste Stadion mit zwei überdachten Hintertortribünen. Archibald Leitchs letzte Arbeit war der Ausbau des East Stand. Ursprünglich sollte es eine schlichte unüberdachte Tribüne werden, aber da Arsenal kurz zuvor Highbury massiv ausbaute, sah sich Tottenham in Zugzwang. Am Ende der Arbeiten konnte man ein dreistöckiges und sehr beeindruckendes Bauwerk bewundern.Während des zweiten Weltkrieges spielte auch Arsenal an der White Hart Lane (teilweise wird auch der Name Gilpin Park benutzt), weil deren Stadion zerbombt war. Der East Stand wurde in dieser Zeit auch als Leichenhalle „missbraucht“. In den 50er Jahren bekam das Stadion Flutlicht und der Hahn zog vom West Stand zum East Stand um. 1980 wurde schließlich der West Stand abgerissen und innerhalb von zwei Jahren wieder neu aufgebaut. Das Brandunglück von Bradford löste dann weitere Umbaumaßnahmen aus, wie z. B. die Umwandlung von Steh- in Sitzplätze. 1989 bekam zunächst der East Stand ein neues Gesicht und in den 90er Jahren auch die beiden Hintertortribünen. Heute sieht man von dem altehrwüdigen Bau nur noch wenig und die derzeitige Zuschauerkapazität liegt bei 36.240 Zuschauern.

 

 

 

 

Tageskilometer:                 942 km Flug und 334 km mit der Bahn

Saisonkilometer:           21.232 km (15.071 km KFZ und 4.277 km mit der Bahn und 1.884 km mit dem Flugzeug)

zum Vergleich 05/06: 46.387 km (10.984 km Flugzeug, 24.473 Km Bahn, 11.183 km KFZ, 288 km Schiff, 690 km Bus)

Besten Dank an Magda und Lee!

 

 

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