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Eircom League, Saison 2008, 25.04.2008

 

 

Bohemian Dublin F. C. – Derry City F. C.

  0:0

Dublin, Dalymount Park (ca. 2.500 Zuschauer)

 

 

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei und nach zwei vergeblichen Anläufen stand dem Trip nach Dublin diesmal nichts mehr im Wege. Ursprünglich sollte es schon eine Woche früher für drei Tage auf die Insel gehen, aber irgendwie passten die Flüge nicht zum Geldbeutel und so wurde der Hinflug für Freitagmorgen und der Rückflug via Hamburg inklusive des eminent wichtigen Auswärtsspiels der Blauen einen Tag später gebucht. Der Low-Cost-Carrier hieß Ryanair, brauchte für die Strecke Schönefeld nach Dublin exakt zwei Stunden und war auch noch pünktlich. Da der Flughafen in der irischen Hauptstadt recht günstig positioniert ist (ca. 10 km), kostet der Bustransfer auch nur 1,90 EUR, aber nur wenn man die ganzen Airport-Express-Busse meidet (die kosten sechs Euro) und mit dem Linienbus (Nr. 41) fährt. Die Fahrzeit beträgt rund eine halbe Stunde und mein erstes Ziel hieß O’Connell Street, sozusagen der Prachtboulevard von Dublin. Bevor es per pedes zu den wichtigsten Highlights der Stadt gehen sollte, musste erst einmal eine Grundlage für den Tag in Form einer Monatsration Cholesterin (auch irisches bzw. englisches Frühstück genannt) gelegt werden. Fünf Euro später ging es dann vorbei am historisch wertvollen Postamt, wo einst das Hauptquartier der Osteraufständler von 1916 (dazu später mehr) war, über den Fluss Liffey zur hiesigen Universität, dem Trinity College. Der erste Eindruck von Dublin war äußerst positiv, ja fast gemütlich würde ich mal sagen, weil die die Stadt sehr übersichtlich ist und die Menschen nicht so hektisch sind wie in anderen europäischen Hauptstädten. Auch die hiesige Damenwelt hob sich wohltuend von ihren englischen Artgenossinnen ab (Kenner wissen was ich meine). Da der Trip unter dem Motto stand „Wer spart, der hat!“ (in diesem Fall fetten Blasen unter der Fußsohle) musste genau abgewogen werden, welche öffentliche Institution sich über einen kleinen Obolus an Eintritt erfreuen durfte. Die beiden Kathedralen (St. Partrick’s und Christchurch), das Castle und auch die Guiness-Brauerei (happige 14 Euro) gingen dabei leer aus und der Gewinner war: der Knast von Kilmainham Gaol. Der Fußmarsch dahin war allerdings nicht ohne und rund 90 Minuten vor Schließung hechelte ich mit der letzten Besuchergruppe durch die Eingangspforte. 5,30 Euro kostete der Spaß und die Kohle war echt sinnvoll investiert. Die Vollzugsanstalt erfüllt heute nicht mehr ihren Zweck, sondern dient den Iren als Museum, welches ausführlich u. a. den Osteraufstand von 1916 dokumentiert

 
Hauptpostamt                                                                                Trinity College
 

Exkurs: Am 24. April 1916 besetzte eine kleine Truppe von Bewaffneten unter der Führung von James Connolly, einem marxistischen Theoretiker, und Pádraig Pearse, einem fanatischen Nationalist, das Hauptpostamt und weitere Gebäude. Pearse rief die Provisorische Regierung der Republik von Irland aus. Doch der Anfangserfolg hielt nicht lange an, schon zwei Tage später waren Einsatztruppen der Briten eingetroffen, die mit größter Härte und unter Einsatz schwerer Artillerie, ohne die unbeteiligte Zivilbevölkerung zu schonen, den Aufstand niederschlugen. Bis dahin war die Mehrheit der Bevölkerung keineswegs auf Seiten der Aufständischen gewesen, hatte sie gar als Verräter beschimpft - waren zu diesem Zeitpunkt doch 80.000 katholische Iren als Freiwillige auf Seiten der Briten am Ersten Weltkrieg beteiligt. Fünf Tage nach Beginn des Aufstandes (mehrere hundert Tote, die Mehrheit von ihnen Zivilisten) unterschrieb Pearse die Kapitulation. Die 14 Anführer des Aufstandes wurden nach kurzem Prozess im Hof von Kilmainham Gaol hingerichtet. Doch es waren gerade diese Erschießungen, die die zuvor isolierten Rebellen zu Helden und Märtyrern stilisierten. Dass der schwerverletzte Connolly auf einer Trage zur Hinrichtung gebracht wurde und auf einem Stuhl festgebunden erschossen wurde, festigte diese Entwicklung noch. Quasi über Nacht ging der Strom der katholischen irischen Freiwilligen zurück. Die Idee der Unabhängigkeit hatte wieder verstärkt Nahrung bekommen und löste einige Jahre später einen Guerillakrieg in Irland aus. Sinn Féin, obwohl selbst nur unwesentlich am Aufstand beteiligt, wurde zum Sammelbecken der Unabhängigkeitsbewegung. Bei den Unterhauswahlen von 1918 gewann Sinn Féin 80% der irischen Mandate und bildete aus diesen Abgeordneten den First Dáil, das erste irische Parlament seit 1801. Eamon de Valera wurde zum Präsidenten der Republik Irland gewählt und der Aufbau einer Regierung begann. Die britische Regierung erklärte den Dáil unverzüglich für illegal und es folgte ein dreijähriger Unabhängigkeitskrieg (unter Führung von Michael Collins auf Seiten der Iren) gegen England, an deren Ende der eine Teil von Irland ein Freistaat wurde und der andere Teil (Nordirland) bei England verblieb. Genau diese umstrittene Teilung führte zur Spaltung von Sinn Féin und der IRA. Eamon De Valera (der 1916 eigentlich hätte hingerichtet werden sollte, aber wegen seines amerikanischen Passes am Leben blieb und später entlassen wurde) führte im darauf beginnenden irischen Bürgerkrieg die republikanischen Rebellen, den vertragsablehnenden Teil der IRA gegen die neue, reguläre irische Armee der zunächst von Griffith und Collins geführten Regierung an. Griffith starb im August 1922 und Collins wurde 10 Tage später bei einem Hinterhalt erschossen. Damit starben die zwei wichtigsten Vertragsbefürworter, was schließlich auch zu einer Wende im Bürgerkrieg führte. Im Mai 1923 ergaben sich die republikanischen Kräfte, Stabschef Frank Aiken ordnete an, die Waffen zu vergraben, wodurch der Bürgerkrieg ein Ende fand. 1926 verließen de Valera und seine Anhänger die Sinn Féin und gründeten die neue Partei Fianna Fáil (Soldaten des Schicksals), deren Vorsitzender de Valera wurde. 1932 wurde seine Partei stärkste Kraft im irischen Parlament und de Valera (der übrigens der letzte Gefangene von Kilmainham Gaol war) wurde zum irischen Premierminister gewählt. 1924 wurde das Gefängnis geschlossen und dem Zerfall übergeben. Erst in den 60er Jahren besann man sich auf die historische Bedeutung und restaurierte das Gefängnis komplett, um ein Museum bzw. eine nationale Gedenkstätte daraus zu machen. Hier wurde auch die Filme „Michael Collins“ und „Im Namen des Vaters“ gedreht (Link)

 

Kilmainham Gaol

 

So, genug der Historie – hin zur Gegenwart und dem Kick im Dalymount Park. Aufgrund des selbst auferlegten Weltspartages mussten als Verkehrsmittel die wunden Füßchen herhalten und so trugen mich die Mauken von der Southside (eher Reichenviertel) in die Northside (eher Armenviertel). Gut eine Stunde benötigt der eher gemütliche Fußgänger vom Kilmainham Gaol bis zum Stadion, ungefähr doppelt so lang wie von der Innenstadt. Der Ground liegt zwar ziemlich versteckt hinter Wohnhäusern, ist aber anhand der Flutlichtmasten ganz gut zu finden. Etwa 1 ½ Stunden vor dem Anpfiff war das Stadion offiziell noch verschlossen, aber zwei Seitentore standen sperrangelweit offen und trotz einiger Ordner im Stadioninnern konnte ich ungehindert umherschlendern. Für potentielle Eintrittspreissparer also die Gelegenheit schlechthin. Mich trieb nach der ersten Erkundung wieder vor die Tore um die drei sagenumwobenen Pubs zu suchen. Die Suche endete nach Lösen des Billets in den Räumen unterhalb der Haupttribüne, wo es zwei äußere und eine mittlere Ausschankstation gab, die alles eins gemein hatten: Verdammt gemütlich! Das erste Pint war noch nicht bestellt, da war man auch schon im Gespräch mit den einheimischen Fußballfans vertief, die übrigens, egal ob aus Dublin oder Derry, bunt gemischt in Kleingruppen zusammenstanden und tranken. Exakt zwei Minuten vor Anpfiff leerte sich der Pub schlagartig und die Jungs strömten auf die Haupttribüne.

 
 
Spiel und Stimmung:
 

Während das Spiel leider nicht sonderlich unterhaltsam war, konnten die gut 2.500 Zuschauer dies kompensieren. Auf beiden Seiten (Derry war mit ca. 500 Leuten vor Ort) gab es Gruppen, die für Support und damit für ganz ordentliche Stimmung unterm Giebeldach sorgten.

 
Vereine:
 

Der Bohemian Dublin Football Club wurde 1890 gegründet und ist damit einer der ältesten Vereine Irlands. Nach der Abspaltung des Fußballverbandes der Republik Irland vom Nordirischen 1921 wurden die Bohemians Gründungsmitglied der irischen Liga. Insgesamt wurden sie neun Mal Meister (1924, 1928, 1930, 1934, 1936, 1975, 1978, 2001 und 2003) und gewann sechs Mal den nationalen Pokal (1928, 1935, 1970, 1976, 1992 und 2001). Interessant noch dass der Verein zu 100% den zahlenden Mitgliedern gehört.

Der (nordirische) Derry City Football Club wurde zwar erst im Jahre 1928 gegründet, dennoch dürfte dieser Club einer schillerndsten in Großbritannien sein. Ein Jahr später wurde Derry City in die Irish Football League aufgenommen und spielte im Bradywell Stadium die ersten Matches. 1964 wurde der Verein zum ersten (und bislang auch zum einzigen) Mal nordirischer Meister und qualifizierte sich für den Europapokal der Landesmeister, wo sie in der ersten Runde von Lyn Olso niedergerungen wurde. Da die Stadt danach das Stadion für die zweite Runde sperrte, fand das Rückspiel (das Hinspiel endete allerdings auch 0:9) nicht mehr statt. Durch den Ausbruch des Nordirlandkonflikts fasste der Sektarianismus in Nordirland Fuß. Die Verantwortlichen von Derry City vermuteten, dass es für den protestantisch geprägten Verband eine ziemlich bitte Pille war, dass ausgerechnet ein katholischer Verein in die zweite Runde des Europapokals einzog. Die UEFA befand den Ground hingegen für spieltauglich. Im Januar 1969 kam es erstmalig zu Ausschreitung bei einem Spiel gegen den  FC Linfield. Daraufhin weigerten sich immer mehr Vereine aus Sicherheitsgründen in Derry zu spielen. Als zwei Jahre später der Mannschaftsbus von Ballymena United in Derry in Flammen aufging, musste der Club, der nationalistisch-katholisch geprägte ist (wobei es immer auch protestantische Spieler gab) ins mehrheitlich protestantisch-unionistisch Coleraine umziehen. Der Verein ersuchte den Verband in den folgenden Jahren mehrfach um eine Revidierung der Entscheidung, doch nachdem die Zuschauer letztlich ganz ausblieben, zog sich Derry City 1972 aus der Liga zurück und spielte nur noch in Amateurligen. Es  folgten die absurden Jahre, denn jedes Jahr wurde bei der Liga ein formelles Aufnahmegesuch eingereicht mit dem Brandywell-Stadion als Heimspielstätte, welches „natürlich“ immer abgelehnt wurde. 1984 setzte sich der Verein trotz massiver Widerstände des nordirischen Verbandes durch und beantragte die Aufnahme in den irischen Verband. 1986 stiegen sie in die erste irische Liga auf.

 
Stadion:
 

Der Dalymount Park ist ein richtiges Schmuckstück mit vier unterschiedlichen Tribünen. Die recht große Haupttribüne (wobei die grauen und rote Schalensitze optisch ein wenig fad wirken) ist zwar neueren Baujahrs, trägt dafür das traditionelle Giebeldach. Links sitzen üblicherweise die Auswärtsfans, rechts die Heimsupporter und in der Mitte der ganze Rest. Auf Zäune oder sonstige Absperrungen hat man gleich ganz verzichtet. Auf der anderen Seite gibt es noch einmal eine unüberdachte Sitzplatztribüne, die aber nur die halbe Länge des Spielfeldes einnimmt und heute obendrein gesperrt war. Ebenfalls nicht zugänglich war die eine Hintertorseite mit den vielen Stehtraversen. Auf der anderen Seite gibt es dann noch eine halbüberdachte Sitzplatztribüne. Ferner verfügt die Anlage über vier Flutlichtmasten, die auf den Tribünen stehen.

 
 
 
 
 
 

Tageskilometer:             1.328 km Flug von Berlin nach Dublin

Saisonkilometer:          54.123 km: (33.749 km Flugzeug, 9.319 km KFZ, 9.408 km Bahn, 1.157 km Bus, 490 km Schiff)

zum Vergleich 06/07: 44.890 km (21.098 km KFZ, 15.117 km Bahn, 7.284 km Flugzeug)

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