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Champions League, Saison 2012/2013, 24.10.2012

 

Arsenal F. C - FC Schalke 04

0:2

London, New Arsenal Stadium (60.049 Zuschauer, ausverkauft)

Auf den Einleitungsquatsch „Abenteuer günstige Anreise“ kann im Falle des Auswärtsspiels bei Arsenal verzichtet werden. Dass dies das günstigste Spiel in der Gruppenphase sein würde, war eh klar und so ging es je nach Gusto wie man wann nach London fliegt. Mein Favorit ist der Airport Luton, 50 km nordwestlich der Hauptstadt gelegen und der beste mit London verbundene Flughafen. Dieser Meinung waren auch die vier Mitreisenden (2 x Premnitz, der Schneemann und der Kaffeejunkie) und so erreichten wir am Spieltag als Quintett England. Mit dem kostenlosen Shuttlebus ging es zum Bahnhof Luton Airport Parkway und dann mit dem Zug (Dauer ca. 30 Minuten, Kostenpunkt acht Pfund die einfache Fahrt) zum zentralen Bahnhof St. Pancras, der für uns auch der erste Sightseeingpunkt war und bekannt aus den Harry-Potter-Filmen ist. Wie kein anderer Bahnhof symbolisiert er die große Blütezeit der englischen Eisenbahngeschichte, die um 1840 ihren Höhepunkt fand. Erbaut wurde dieses Prachtstück ab 1864 und hier wurde nicht gekleckert sondern geklotzt. Die Bahnhofshalle war mit ihren 74 Meter breiten Bogen einst das größte Bauwerk ihrer Art und in die Vorderhalle, welche ein paar Jahre später fertig gestellte wurde, wurde ein feudales Hotel integriert. Nachdem dieser Teil des Bahnhofs Jahrzehnte ungenutzt blieb, kann man hier seit ein paar Jahren wieder nächtigen, allerdings für stolze 300 Pfund die Nacht.  Seit fünf Jahren ist St. Pancras auch die Endhaltestelle für den Eurostar aus Brüssel (Fahrtdauer schlappe zwei Stündchen) bzw. Paris. Die Deutsche Bahn plante vor ein paar Jahren mal eine Direktverbindung von Frankfurt nach London, aber der erste ICE der 2010 London erreichte, war auch der Letzte. Die Pläne gibt es aber noch. Wir schlenderten durch den Bahnhof, zogen für uns fünf Tageskarten für den Nahverkehr (stolze sieben Pfund), wovon auch vier funktionierten, nur der Premi magnetisierte seine und kam dadurch in Kontakt mit Dutzenden von Untergrundmitarbeitern. Nächster Stopp -  Piccadilly Circus, den der Engländer auch bescheiden und liebevoll „Mittelpunkt der Welt“ bezeichnet. Ich wollte mal kurz bei Lillywhites (immer noch unschlagbar günstig für den ganzen Lonsdalekram, der Rest lohnt sich nicht mehr wirklich) vorbeischauen und da die restlichen Jammerlappen Hüngerchen hatten, nutzten wir das Tagesangebot einer bekannten Pizzakette. Mit überfüllten Mägen ging es dann auf zu den üblichen Touri-Plätzen, da zwei Kandidaten London-Novizen waren. Duke of York Memorial, St. James Park, Verteidigungsministerium, Westminster Abbey, Big Ben und dann mit der Tube weiter zur Tower Bridge und dem Kriegsschiff HMS Belfast, das im übrigen direkt nach dem Stapellauf erst mal auf eine deutsche Tretmine latschte und dann drei Jahre lang repariert werden musste. Nach soviel Kultur war die Reisegruppe sichtlich geschockt, sehr zum Ärgernis der Reiseleitung, und war außer zum Bier trinken zu nix mehr in der Lage. Ergo, den nächsten Zug nach Finsbury Park bestiegen im gleichnamigen Londoner Stadtteil, Park, Bahnhof und allgemeiner Treffpunkt für Königsblau wieder entstiegen. Supermarkt, Park, Trinken, Quatschen und doof in der Ecke rum stehen – Rituale wiederholen sich halt, nur die Personen sind austauschbar. Etwa drei Stunden vor dem Anpfiff setzte sich der Marsch in Bewegung und die Meute flanierte in Richtung Stadion, wobei die Einheimischen teilweise guckten als wären da gerade die blauen Marsmenschen gelandet.  Zu dritt ließen wir allerdings abreißen, weil zum einen die Marschverpflegung absolut mangelhaft war und die Aussicht, Stunden vor dem Kickoff im Stadion rumzulungern auch nicht so prickelnd war. Offiziell gibt es um das Arsenal Stadion eine Art Bannmeile, wo der Alkoholausschank und –konsum strengstens untersagt ist. Zwar gab es in dieser Bannmeile auch einen echt geilen Arsenalpub, wo allerdings einem Drittel der Gruppe (keinen Gruß nach Dinslaken an dieser Stelle) freundlich der Zugang verwährt wurde. Aber die englische Geschichte bescherte uns am Ende doch ein paar Büchsen Bier und wie es dazu kam, dafür muss ich ein bisschen weiter ausholen...

 
 
 
 
 
 
 
 

...Also, die Briten plünderten ab 1756 Indien aus und erst Mahatma Gandhi gelang es die Okkupation im Jahre 1947 zu beenden. Indien wurde unabhängig und damit war der Schlamassel noch nicht zu Ende, denn Hindus und Muslime waren sich nicht grün. Die Minderheit (Muslime) gründeten daraufhin einen eigenen Staat, die islamische (übrigens die erste) Republik Pakistan. Pakistan (und auch Indien) ist einer von 54 „Commonwealth of Nations“-Staaten (wobei Pakistan einmal austrat und einmal rausgeschmissen wurde) und dessen Bürger durften ein zeitlang ohne große bürokratische Hürden nach England übersiedeln. Davon machten auch ein paar Pakistaner Gebrauch, die im Allgemeinen (jaja, man soll ja nicht verallgemeinern) von unbeugsamer Natur sind. Eben einer davon stellte ein Schild vor sein Laden mit der Aufschrift: „WE ARE NOW SELLING ALCOHOL“. Dieser unbeugsame Muslime bot der Staatsmacht die Stirn und setzte sich über die kack Suffbannmeile hinweg! Wir (und noch ein paar andere Blaue) unterstützten seinen Kampf gegen die Obrigkeit, indem wir zahlreiche Solidaritätsbüchsen bei ihm erwarben und er somit eine gesunde finanzielle Grundlage für seine Fehde gegen das britische Empire hat. Etwa eine halbe Stunde vor Spielbeginn legten wir die letzten Meter zum Stadion zurück und erwarben noch fix das „Official Matchday Programme“ (drei Pfund) und das Fanzine „Gooner“ (zwei Pfund). Ich liebe diese wirklich gut gemachten offiziellen und inoffiziellen Druckerzeugnisse. Liebevoll gemacht, gut geschrieben und nicht wie bei uns mit sinnfreiem Kram bestückt. Wir lungerten noch ein bisschen am Gästeeingang herum, ehe wir uns very britisch wenige Minuten vor Anpfiff ins Getümmel stürzten. Das Stadion ist für einen Neubau gar nicht mal so reizlos, allerdings mit der alten Hütte natürlich nicht zu vergleichen. Für mich persönlich war das „alte“ und längst dem Erdboden gleich gemachte Highbury eines der schönsten Spielstätten die ich jemals besucht habe. Die neue Bude ist eher ovalförmig und die Tribünen gehen in einander über, so dass alles letztlich doch irgendwie gleich aus sieht, auch wenn man dem Dach eine Wellenform verliehen hat. Gut, Lindsay Lohan ist auch ne hübsche und skandalöse Braut, aber Marylin Monroe ist als Original eben unerreicht. Unerreicht war auch die Leistung der Blauen an diesem Abend. Durch den Derbysieg konnte man sich eh schon leise Hoffnung auf einen Punktgewinn machen, nach einer gespielten Viertelstunde spielte Blau ernst mit und wurde dann immer stärker. Der Sieg war mehr als verdient und die gut 3.500 Gästeanhänger rockten die Bude. Support auf der Heimseite fand im Prinzip gar nicht statt und das war dann auch die einzige Enttäuschung des Spiels - Who the fuck is Arsenal London?

Auf die sonst international übliche Blocksperre wurde verzichtet und so ging es erstmal zu unserem aufrechten Pakistani, um dort auf das Erlebte anzustoßen. Anschließend wurden die Busfahrer verabschiedet und am Ende blieben noch die Gestalten von UN und unsere Reisegruppe übrig. Am Ende landeten wir einem Pub genau gegenüber von St. Pancras, wo wir bis zur vollständigen Schließung der Hütte noch ein paar Bierchen in den Schlund schleuderten. Der Rest der Nacht war dann geprägt von sinnlosem Rumlungern, erst am Bahnhof, dann am Flughafen und am nächsten Morgen um 10 Uhr durfte ich dann glücklich und zufrieden unter die heimische Bettdecke krabbeln. Läuft!

 
 
 
 
 

Tageskilometer:                        1.898 km Flug und 106 km mit der Bahn (Berlin - London - Berlin) 

Saisonkilometer:                     24.361 km: (8.104 km Flug, 13.541 km Bahn, 2.716 km KFZ)

zum Vergleich 10/11:           62.330 km: (24.867 km Flug, 21.630 km Bahn, 15.603 km KFZ, 220 km Bus)

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