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Champions League, Saison 2012/2013, 04.12.2012

 

Montpellier H. S. C. - FC Schalke 04

1:1

Montpellier, Stade de la Mosson (23.142 Zuschauer)

Paris, viel bekamen wir davon nicht zu Gesicht, da wir unser Hotel extra nahe dem Gare de Lyon gebucht hatten. Er ist nicht einfach nur ein schnöder Bahnhof, sondern aufgrund seiner aufwändigen Bauweise und den vielen Wandmalereien eine der Sehenswürdigkeiten von Paris. Eine herrliche Symbiose von Moderne und Tradition. Bei der Reiseplanung fanden wir ein herausragendes Angebot: für 36 Euro in der 1. Klasse von Paris nach Montpellier. Auf dieses Teilstück freute ich am meisten bei der ganzen Tour, denn es gibt nix Schöneres als mit der Eisenbahn durch das Land zu fahren. Wobei fahren etwas untertrieben ist, der TGV benötigt für die 750 Km lange Strecke gerade einmal knappe drei Stunden. Mit teilweise 400 Sachen durch das große Frankreich zu brettern war ein Hochgenuss und mehr als entspannt erreichten wir am frühen Nachmittag den Bahnhof Montpellier-Saint Roch. Sonnenschein, angenehme Temperaturen und eine schöne Altstadt empfingen die blau-weißen Krieger. Schade nur, dass wir unseren Aufenthalt auf ein paar Stunden reduzierten. Das Meer (ca. 10 km südlich), der innerstädtische Zoo, die Alt- und Neustadt hätten sich garantiert auch gelohnt. Etwa eine viertel Millionen Menschen leben in Montpellier, nicht wenige davon Studenten, und der zentrale Platz heißt Place de la Comedie. Er befindet sich nur ein paar Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt und dort sind u. a. die Oper und der Brunnen mit den drei Grazien zu finden. Dort lungerten auch schon etliche blaue Gestalten rum, was uns allerdings zu langweilig erschien und außerdem wollten drei Viertel der Reisegruppe ein Steak tartare. Das gute an der französischen Küche war, dass sie nachmittags zu hatte. So blieben die Mägen knurrig, dafür fanden wir etwas außerhalb des ganzen Trubels eine kleine Bar, die sehr an die Atmosphäre der französischen Krimis der 70er und 80er Jahre erinnerte. Nach ein paar lokalen Bierchen und dem landestypischen Cafe Circonflexe beendeten wir die Sitzung. Anschließend stellten wir uns noch ein wenig auf den Platz, quatschten über Schalke und die Welt. Da viele nur für das Spiel anreisten und somit auch logischerweise direkt nach dem Match direkt wieder abreisten, kam erst gar kein richtiges Europapokalfeeling auf (Kerl, was vermisse ich die Trips ins heilige Land). Die Einheimischen waren auch alle astrein, außer zweien. Erstere durften wir kennen lernen, als alle Anderen sich schon auf dem Weg zum Stadion befanden und wir mit acht Leutchen noch auf dem Place de Comedie rum standen. Der Name des Platzes war dann auch Programm, als ein junger gut gekleideter Franzose, der deutschen Sprache durchaus mächtig, die Szenerie betrat und uns höflich fragte, ob er uns mal stören dürfte. Wir waren (und sind) natürlich aufgeschlossen und entsprachen seinem Wunsch – ein Fehler, wie sich später herausstellte. Der junge Mann war sichtlich erzürnt über den ganzen Unrat, der quer über den Platz verteilt herumlag. Wenn ein paar hundert Fußballassis ein paar Stunden kurz zuvor da rumgestanden haben, dann bleibt auch schon mal ein Flasche Bier und der dazugehörige Pappkarton einsam zurück. Wir wurden als Verantwortliche identifiziert, obwohl unsere am Boden stehende Bouteilles noch voll waren und dort nur kurzfristig zwischen gelagert wurden. Wir blieben erstaunlich höflich, der Franzose nicht und so entwickelte sich ein heftiges Streitgespräch über die französischen Steuergelder, Angela Merkel, den Euro im Allgemeinen und ob die pronominale Anrede, speziell die 2. Person Singular, respektlos sei. So ein Vollpfosten. Mit der Bahn fuhren wir anschließend in Richtung Stadion und siehe da, der gemeine Franzose präsentierte sich weltoffen und herzlich, selbst die Herren am Gästeeingang. Muss man ja auch mal sagen.

 
 
 
 
 
 
 
 

Der Montpellier Hérault Sport Club wurde letzten Sommer ziemlich überraschend französischer Fußballmeister und es war auch der erste Meistertitel seit der Vereinsgründung im Jahre 1919. Genau genommen ist der Verein 1974 „neugegründet“ worden, nachdem der Vorgängerclub US Olympique de Montpellier aus noch unbekannten Gründen (ich vermute Einnahmen und Ausgaben standen einst im krassen Missverhältnis) 1969 aufgelöst wurde. Herault steht für das Departement in dem Montpellier zu Hause ist und dadurch ist der Verein auch so was wie das Aushängeschild der ganzen Region. Hat den Vorteil staatlicher Vergünstigungen und auch direkter Zuschüsse. Und weil das im Fußball funktioniert, hat sich das System auch der hiesige Handballverein (HB Montpellier, sehr erfolgreich) und der Rugby Club (Montpellier Heraus Rugby Club) zunutze gemacht. Der Fußballclub war auch lange eine graue Maus in Frankreich und wenn mich etwas an Montpellier und Fußball erinnert, dann zum Einen das „sagenumwobene“ Derby gegen Nimes und zum Anderen natürlich Carlos Valderrama, der kolumbische Fummelkönig mit den pissgelben Haaren. Das Stade de la Mosson, benannt nach einem Flüsschen, wurde 1972 erbaut und für die WM 1998 komplett renoviert. Baulich ist die Hütte keine Sensation, mir gefällt sie aber:  Schön eng und hoch gebaut, wobei die Ränge teilweise ineinander übergehen. Ein gutes Spiel mit zwei motivierten Gruppen könnte hier ein echtes Erlebnis sein. An diesem letzten Champions-League-Gruppenspiel gab es allerdings einen ziemlich faden Brei. Im Gästeblock waren nur wenige motiviert und irgendwie fiebern fast alle der wohlverdienten Winterpause entgegen. Auf der Heimseite war der Beginn noch verheissungsvoll, als die Jungs eine Fackel zündeten und mit freiem Oberkörper einen astreinen Pogo aufs Parkett legten. Danach gab es nix mehr was einen von den Sitzen riss. 1:1 Dusel! Dank dem Patzer von Arsenal zieht Gelsenkirchen als Gruppenerster in die erste Ausscheidungsrunde ein.

Nach dem Spiel verweilten wir erst noch ein bisschen bei den Bussen, ehe wir noch das Nachtleben von Montpellier antesten wollten. War aber auch irgendwie Grütze und so zog sich das Gelage ziemlich träge dahin und endete dann irgendwann im Chambre. Nach drei Stunden Schlaf ging es via Hahn, Mainz und Frankfurt zurück in die Hauptstadt, wo ich nach exakten sechseinhalb Tagen die Lieben daheim begrüßen durfte. Interessante Tour, so unter dem Strich.

 
 
 
 

Tageskilometer:                         1.442 km von Montpellier nach Berlin (752 km Flug, 85 km Bus, 605 km Bahn)

Saisonkilometer:                     33.487 km: (12.008 km Flug, 16.469 km Bahn, 4.530 km KFZ, 490 km Bus)

zum Vergleich 10/11:           62.330 km: (24.867 km Flug, 21.630 km Bahn, 15.603 km KFZ, 220 km Bus)

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