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UEFA-Cup, Saison 13/14, 28.11.2013

 

PFC Ludogorets Razgrad - PSV Eindhoven

2:0

Sofia, Vasil-Levski-Stadion (3.000 Zuschauer)

Rapid Bukarest spielte übrigens. Nach wiederum nur vier Stunden Schlaf zog sich der Fahrkartenkauf am nächsten Mittag ein wenig in die Länge. Aber nach Löhnung von 66 Lei (etwa 16 Euro) erreichte ich gerade den fast leeren Zug. Die Fahrt bis in den rumänischen Grenzort Giurgia (Nord) war unspektakulär. Dort blieb der Zug aber fast eine Stunde am Bahnhof stehen und nur die Köter streunten draußen umher. In Bukarest übrigens gibt es kaum noch diese wilden vierbeinigen Gesellen, da die Regierung vor ein paar Monaten ein Gesetz erlassen hat, diese zu töten. Grund für diesen Hundegenozid war ein „Überfall“ von einem Rudel wilder Hunde auf einen vierjährigen Jungen, der das Massaker nicht überlebte. In Giurgia fristen die Vierbeiner aber noch ihr Dasein. Irgendwann setzte sich der Zug dann auch wieder in Bewegung und nur die Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke trennte mich von meinem Zwischenziel. Da die 2,8 Kilometer lange Verbindung total marode ist, fuhr der Zug im Schritttempo über die Donau. Die Brücke wurde als rumänisch-bulgarisches Gemeinschaftsprojekt im Jahre 1954 von den Russen erbaut. Aber bei der Instandhaltung der Brücke ist von Gemein- bzw. Freundschaft nicht viel zu merken, da sich beide Staaten nicht über eine Kostenbeteiligung einigen können. Aber dank des Schritttempos kam mir die Donau noch breiter vor, fast hätte man meinen können, der Zug überquert einen See. Kurz danach hielt der Zug endlich in Russe, aber ein schnelles Aussteigen war nicht möglich, da erst die bulgarischen Passbeamten Dokumente sehen wollten. Insgesamt dauerte die Zugfahrt von Bukarest nach Russe dreieinhalb Stunden, was für eine Strecke von 80 Kilometer sehr beachtlich war. An einigen Stellen im sehr hübschen Bahnhof gab es noch Hinweise auf eine mögliche deutsche Vergangenheit. „Vorsteher“ und „Fahrdienst“ stand dort geschrieben. In der ziemlich düsteren Bahnhofshalle sollte der Fahrschein für die Weiterfahrt nach Sofia klargemacht werden, allerdings kam die Bahnbedienstete hinter der Glasscheibe nicht mit meinen Zettel zurecht. Dort stand geschrieben, dass ich um kurz nach acht am nächsten Tag bis Sofia mit Umstieg in „vergessen wo“ fahren wollte. Aber sie versuchte mir klar zu machen, dass ich entweder um halb sieben oder um halb zwölf fahren muss. Ergo biss ich in den sauren Apfel und entschied mich für die frühere Variante. 23 Lew, also etwa 11 Euro, kostete das Ticket für den Expresszug (Fahrzeit knapp sieben Stunden). Im Nachhinein glaube ich verstanden zu haben, warum ich nicht für die schnellere Verbindung mit dem Umstieg ein Ticket bekam. Vermutlich konnte (oder wollte) mir die bulgarische Bahntrulla nur ein Billet bis „vergessen wo“ verkaufen und ich hätte mir dort dann, ein neues für die Weiterfahrt holen müssen. Kann aber auch sein, dass ich aufgrund der großen Sprachbarriere auch total danebenlag. Die Verständigung in Bulgarien (Ausnahme Sofia) ist deutlich schwieriger als in Rumänien, wo mittlerweile sehr viele Englisch sprechen.

 
 
 
 
 

Mit der Fahrkarte in der Tasche durfte ich dann einmal quer durch die Stadt (auch hier Schnee ohne Ende) latschen, um zu dem im Netz ausfindig gemachten Hostel zu finden. Auch wenn die nationale Tourismusseite Russe als das „kleine Wien“ bewirbt, ist die 180.000 Einwohner zählende Stadt doch eher trist und wenig attraktiv. Einzig das kleine Stadtzentrum hob sich aus der grauen Masse ab. Für so Fußballbekloppte ist Russe interessant, weil der hier beheimatete FC Dunaw Russe in einem ganz schicken Stadion (Gradski Stadium) spielt. Allerdings ging der Klub vor ein paar Jahren genauso pleite wie Lokomotive Russe, die auch in einer richtig schön ranzigen Hütte beheimatet waren. Während der FC Dunaw mittlerweile neugegründet wurde und in der zweiten Liga spielt, verliert sich die Spur von Lokomotive gänzlich. Schade um die Hütte. Das Hostel wurde gefunden und für 30 Lew war dort sogar ein recht einfaches, aber sehr sauberes Einzelzimmer zu haben. Auf dem Hinweg entdeckte ich das Restaurant der legendären „Happy Bar and Grill“-Kette, wohin es nach kurzem Frischmachen ging um die erste und letzte Mahlzeit des Tages einzuwerfen. In Sofia meide ich diese Kette, weil das Essen zwar nicht schlecht ist, aber es bedeutend bessere Läden mit lokaler Küche gibt. Aber in Russe fehlte mir die Lust noch weiter durch den Schnee zu latschen und nach Alternativen Ausschau zu halten. Einen kleinen Vorteil haben die „Happy Bar and Grill“-Dinger und die Experten wissen, was ich meine. Richtig begeistern konnte die Vorspeise, ein Schopska-Salat. Recht einfach in der Zubereitung, letztlich nur Tomaten und Gurken, bekommt er seine ganze aromatische Kraft durch den geriebenen Schipkakäse. Der Hauptgang war auch überdurchschnittlich und nach zwei Bierchen ging es zurück in die Herberge. Die letzten Tage und Nächte waren kräftezehrend und neben Fußball sollte eigentlich die Erholung nicht zu kurz kommen. Also ab in die Koje und mit Bulgaria TV half beim Einschlafen. Als am nächsten Morgen der Wecker um halb sechs klingelte, war der Körper wenig begeistert das Bett verlassen zu müssen. Der Geist übrigens auch nicht, aber da half kein Jammern und kein Flehen: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ Nicht dass es gestern schon genug geschneit hatte, aber warum auch immer, auch in der Nacht rieselten die Flocken vom Himmel. Lag vermutlich am Wetter. Die Perle Nordbulgariens war also tief verschneit und der Weg zum Bahnhof sehr romantisch. Der Zug stand abfahrbereit und der Schaffner führte mich zu meinem Platz. Die Verwunderung über so viel Service in einem der ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten klärte sich schnell auf. Die Trulla am Bahnschalter hat mir doch glatt ein 1. Klasse Ticket angedreht. So blieb ich die ersten fünf Stunden für mich allein in einem zwar ganz gemütlichen, aber total unterkühlten Abteil. Leider fehlte auch der erhoffte Speisewagen, wodurch das Frühstück ausfiel. Aber ich hatte noch Reserven, zwischen Knochen und der ersten Kleidungsschicht. Die ersten Stunden mögen landschaftlich durchaus reizvoll gewesen sein, aber die Farbe Weiß dominierte und nur bei den zahlreichen Zwischenhalten wurde diese Eintönigkeit unterbrochen. Erst in Levski, der 70. größten Stadt Bulgariens bekam ich Gesellschaft in Form eines ziemlich seltsamen Trios. Zwei Schmiertypen und eine Taubstumme machten sich im meinem Abteil breit, hatten tierischen Palaver mit dem Schaffner und mussten ein paar Lew Strafe zahlen. Vermutlich wegen dem fehlenden Billet. Die Kommunikation untereinander war auch alles andere als herzlich und trotz tierisch drückender Blase, ließ ich meine Habseligkeiten nicht aus dem Auge. Zudem sie mich ständig vollquatschten und wissen wollten, was dies und das gekostet hat. An der richtig geilen Fahrt durch das Vitoschagebirge konnte ich mich kaum erfreuen.

 
 
 

Nach sieben Stunden erreichten wir Sofia mit einer kleinen Verspätung, was nicht nur meine Blase erfreute. Als der eine Körperteil Befriedigung fand, meldete sich prompt ein Anderer. Den Wanst galt es zu stopfen und das exzellente Restaurant mit dem klangvollen und einfachen Namen „Hadjidraganovite kashti“ war nicht nur ein Geheimtipp (tausend Dank an Matthes), sondern befand sich auch unweit des Bahnhofs. Nach dem Schopska-Salat (ich liebe dieses Zeug) gab es eine gemischte Platte und abgerundet wurde das Ganze mit Kameniza Bier. Die Sorte ist die klare Nummer Zwei in Bulgarien, mein persönlicher Favorit ist Zagorka, welches es in Restaurants recht selten gibt. Das recht frische Wetterchen (Null Grad, aber Sonnenschein) nutzte ich für einen kleinen Stadtspaziergang. Vor genau einem Jahr war ich ein ganzes Wochenende in Sofia und so gab es auch nicht viel Neues zu entdecken. Am späten Nachmittag fand ich dann auch mein Hotel, von außen eine ziemliche Rumpelbude und von innen war die Lage auch nicht viel besser. Dafür gab es für 20 Euro ein Einzelzimmer und das Interieur stammte auch noch aus der Zeit als Georgi Dimitrow die Geschicke Bulgariens lenkte. Das Vasil-Levski-Stadion (oder auch Nazionalen stadion Wassil Lewski) liegt am nördlichen Ende des großen Borissowa-Gradina-Parks, in dessen Mitte sich auch die Heimstätte von CSKA, das Balgarska-Armija-Stadion, befindet. Zehn Lew (fünf Euro) kostet der Eintritt zum Spiel der Spiele, zum Match um die Vorherrschaft in Europa. Dank der sehr kurzen Distanz zwischen dem Hotel „Rumpelbude“ und dem Stadion Nationale, war ich auch noch eineinhalb Stunden vor Anpfiff vor Ort. Aber sicher ist sicher, gerade bei Spielen die drohen ausverkauft zu melden (Kennzeichnung Ironie). Ich hätte also noch locker zurück zum Hotel latschen können und im Bett liegend TV glotzen können, entschied mich aber für die harte Variante, die da hieß die Zeit vor dem Stadion bei Eiseskälte herumzulungern. Aber nach Sichtung eines kleinen Kaffees direkt neben dem Haupteingang war die Verlockung auf eine warme Sitzgelegenheit und ein kühles Bier doch sehr groß. Warm war es, Bier gab es nicht, bzw. doch, aber nicht an diesem Abend, weil Fußball auf europäischer Ebene angesagt war. Da half kein Jammern und kein Betteln, die charmanten und obendrein recht hübschen Bedienungen zeigten viel Verständnis für den Kartoffelkopp, aber den Kühlschrank schlossen sie trotzdem nicht auf. Mutmaßlich weil viele Bullen in dem Laden rumschwirrten. Faules Pack. Der Kaffee wurde aber mit viel Liebe zubereitet und dazu gab es noch etwas Gebäck. Als es dann soweit war, stürmte ich mit schnellen Schritten zum Eingang und dank der recht überschauen „Masse“ an Zuschauer konnte ich den Einlass recht flott passieren. Das Stadion war von außen schon ansehnlich, aber auch innen drin wusste das Teil zu gefallen (endlich mal wieder eine Hopperfloskel). Die Bauweise ist schlicht und einfach, ein Rasen, eine Laufbahn, die sich an die Zuschauerränge anschließen. Bis auf einen Teil der Haupttribüne ist die Heimstätte der bulgarischen Nationalmannschaft komplett offen. Da das Stadion von Ludogorez Rasgrad zu klein ist, müssen sie die Partien auf dem internationalen Parkett im 300 Kilometer entfernten Sofia austragen werden. Ludogorez ist übrigens kein Sponsorenname, sondern heißt so viel wie die „Bekloppten aus dem Wald“. Die Stadt liegt, wie Russe in Nordbulgarien, ist ein islamisches Zentrum mit einer - gemessen am Rest Bulgariens - vergleichsweise großen türkischen Minderheit. Der Fußballclub aus Rasgrad dümpelte lange in der zweiten Liga rum, ehe ein steinreicher Bulgare den Klub kaufte und mit einem Haufen Söldnern aus dem In- und Ausland bestückte. Neben Brasilianern, Spaniern, Rumänen, Portugiesen, Holländern, Finnen gibt es ein paar einheimische Spieler, die direkt nach dem Aufstieg in die erste Liga (2011) sofort Meister und Pokalsieger (2012) wurden. Das unterstreicht die Qualität der bulgarischen Liga, wo man sich mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand sofort mit den Besten in Europa messen darf. 2013 verteidigten sie den Titel scheiterten aber in der dritten der Champions-League-Quali-Runde am FC Basel, nachdem sie zuvor Slovan Bratislava und Partizan Belgrad weggeräumt hatten. Im UEFA-Pokal schlug sich die Söldnertruppe mehr als beachtlich und würde sich mit einem Sieg gegen den PSV Eindhoven den Gruppensieg sichern können. Aus den Niederlanden waren etwa 100 Leutchen angereist, die recht einsam in ihrem Gästeblock standen und sich nicht einmal akustisch zu Wort meldeten. Auf der Heimseite waren maximal 300 Leute in der Mitte der Gegengerade damit beschäftigt, ein wenig Atmosphäre in die ansonsten trostlose Veranstaltung zu bringen. Zu Beginn der Partie gab es sogar eine kleine Choreo mit grünen- und weißen Fähnchen und danach immerhin ein bisschen Support. Zumindest wurde mehr geboten als erwartet. Die Partie war trotz der eisigen Temperaturen ganz ansehnlich, wenngleich die Holländer mitunter etwas lustlos wirkten. Das 2:0 vor maximal 5.000 Zuschauern ging dann auch in Ordnung und verdient keine weitere Zeile. Nach dem Spiel traf ich noch zwei Coburger (Kumpels von DEM Coburger), wovon einer auch mal mehr oder minder häufig den geilsten Club von die Welt begleitete. Nach zwei Bieren an einem Kiosk war dann aber auch Schicht im Schacht.

 
 
 
 
 
 

Tageskilometer:                             

Saisonkilometer:                    

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